Donnerstag, 3. Januar 2008

Bild: Studie beweist: Junge Ausländer doppelt so gewalttätig wie junge Deutsche

Zitat aus Bild.de: "Hannover – Wie gewalttätig sind ausländische Jugendliche wirklich? Die offiziellen Statistiken von Polizei und Justiz sagen wenig darüber, wie häufig türkische oder russische Jugendliche zuschlagen, rauben und erpressen. Weiter: hier

Wieder ein schönes Beispiel, wie Meinungen gemacht werden.

Zunächst findet sich in der Studie von Prof. Pfeiffer: "
BAIER, D. & PFEIFFER, C.
Gewalttätigkeit bei deutschen und nichtdeutschen Jugendlichen - Befunde der Schülerbefragung 2005 und Folgerungen für die Prävention(KFN-Forschungsbericht; Nr.: 100)"
folgende Feststellung:
"Dass sich Jugendliche mit Aussiedlerhintergrund tatsächlich gewalttätiger als Deutsche verhalten, wird allerdings nicht von allen Studien gleichermaßen berichtet."

Interessant ist, dass die von "Bild" herangezogene Studie (= Befragung Jugendlicher, aber keine echte Messung der Kriminalität Jugendlicher!!!) die Altersgruppe betrifft, in welcher sowieso über Generationen hinweg immer die höchste Kriminalitätsrate (insbesondere bei männlichen Jugendlichen)anzutreffen ist!!
Ausführlich und in differenzierterer Lesart: hier

Bericht der KFN zur Kriminalitätswahrnehmung: hier
In diesen Bereich fällt auch die von Bild erwähnte "Studie" !!!

Dort geht es ja nicht darum, die tatsächliche Kriminalität zu erfassen, sondern die wahrgenommene Kriminalität von Jugendlichen. Aus eigenen Erfahrungen im Umgang mit Jugendlichen ist mir bekannt, dass diese gerne "polarisieren". Treten Konflikte in Peer-Groups zwischen Jugendlichen unterschiedlicher Nationalitäten auf, so werden "Schuldzuweisungen" und "böse Absichten" gerne wechselseitig verteilt. Dass ausländische Jugendliche, insbesondere an Schulen und Orten, wo Integrationsbemühungen weitgehend gescheitert sind, eine höhere Neigung zu Gewalt und Konflikten haben, soll nicht bestritten werden. Allerdings wird aus der berichteten Vielfalt und den stark variierenden Ergebnissen der geschilderten Befragungen deutlich, dass sehr große (örtliche!!) Unterschiede bestehen.

Die von Bild-Online und in der Bild-Zeitung genannten Zahlen und Werte konnte ich allerdings in den Originalstudien nicht finden !!


Zur "tatsächlichen", d.h. echten Kriminalitätsrate Jugendlicher liefert die KFN folgenden Bericht: hier
Zitat:
"Allerdings entscheiden die Medien weitgehend selbst, was für sie berichtenswert ist und was nicht. Die öffentlich-rechtlichen und in besonderem Maße die privaten Fernsehanstalten sind darauf angewiesen, dass ihr Angebot beim Publikum Nachfrage findet. Daher treffen sie ihre Auswahl an Themen und Darstellungsformen oftmals in einer Weise, die den vermuteten Erwartungen des Publikums am besten entspricht (Windzio Kleimann 2006)...[...]..Auf der Grundlage der polizeilichen Kriminalstatistik lässt sich ..[..]- für die3 beiden Zeitperioden 1993 bis 2003 sowie 1995 bis 2005 recht übereinstimmend ein Rückgang der Kriminalität in wesentlichen Bereichen feststellen, wobei über die meisten Delikte hinweg der Rückgang von 1995 bis 2005 sogar noch etwas stärker ausfällt als zwischen 1993 und 2003.


Und was sagt Bild zum Rückgang der Kriminalität und zu den völlig anders liegenden Kriminalitätsraten ausländischer Jugendlicher in den echten Kriminalitätsstatistiken?
FAZIT:
Anhand "verdrehter" statistischer Zahlen und Forschungsberichte werden Meinungen "manipuliert". Das "Symptom" soll mittels "Verschärfung der Strafmaßnahmen" gegen Jugendliche "behandelt" werden. Ein Zufall, dass einzelne Politiker dieses Thema in den Mittelpunkt ihrer Reden gestellt haben? Die Ursachen der Probleme bleiben unberücksichtigt............

Nachtrag:
Artikel in der "Süddeutschen"
Erziehung jugendlicher Straftäter "Wir holen nach, was sonst im Vorschulalter vermittelt wird"
Lothar Kannenberg, Gründer der erfolgreichen Jugendhilfeeinrichtung "Boxcamp", über die Debatte zur Verschärfung des Jugendstrafrechts und den richtigen Umgang mit jugendlichen Intensivtätern.
Interview: Gökalp Babayigit

Ausführlich: hier



Kommentare:

Ludwig Kamberlein hat gesagt…

Ein Video zum Thema `Gewalt unter Jugendlichen´ auf
http://www.youtube.com/watch?v=4dFxoJD7uw0
Die meisten Kommentatoren solidarisieren sich übrigens mit dem Aggressor. Ein Phänomen jugendlicher Internet-Surfer ?

Monika Armand hat gesagt…

Lieber Herr Kamberlein,
vielen Dank für das Link ;-)
Zu Ihrer Frage: "Die meisten Kommentatoren solidarisieren sich übrigens mit dem Aggressor. Ein Phänomen jugendlicher Internet-Surfer ?" .
Es dürfte das Phänomen betreffen "Wenn Jugendliche Gewalt und Aggression ausüben, dann äußerst sich diese durchaus intensiver, als noch vor Jahren (Jahrzehnten). D.h., wenn die Kontrolle der Emotionen entgleitet, dann viel heftiger.....

Was in Studien leider oft nicht unterschieden wird, sind die Fragen nach dem Ausmaß an Gewalt und die andere Frage nach ihrer Intensität. Mir zeigen die Kommentare, dass einige Wenige ein hohes Gewaltpotential besitzen und diese die Wahrnehmung verloren haben, dass die Gesellschaft das eigentlich so nicht akzeptiert.

Meine (subjektive) Auffassung, als Resultat meiner persönlichen Beobachtungen zum Erziehungsverhalten:
Eltern, Erzieher und Lehrer überlassen Konflikte viel zu sehr den noch "unfähigen" Kindern. Das heißt diese sind ansich gar nicht in der Lage die Konflikte - wie gewünscht - untereinander selbst zu lösen. Einige davon kommen dabei unter die Räder. Ihre hohe Frustration und ggf. das eigene Erleben von Gewalt führen dann zu solchen - für uns erstaunlichen - offen geäußerten Aggressionen.

Ansatzweise Belege zu meiner Auffassung finden sich in der psychotherapeutischen Ursachenforschung zu Aggression und Gewalt Jugendlicher...