Sonntag, 30. März 2008

"Prügelvideos" zweier ungleicher Brüder

Ich hatte Ihnen bereits Sean (glattes Fell) und Rheto (unsern "Teddyhund") im Beitrag: "Müssen Kinder ballern und sich prügeln", vorgestellt. Dies war Anlaß, noch ein paar kurze "Videostudien" durchzuführen, welche ich an dieser Stelle nun vorstellen möchte:

Sie erinnern sich: Ich hatte erwähnt, dass die beiden kleine Kämpfe durchführen und sie immer darauf achten, dem anderen nicht wirklich weh zu tun. Beide hier gezeigten Kämpfe enden ziemlich abrupt. Wir kennen dies nicht anders. So verlieren sie einfach die Lust und gehen auseinander oder wie im ersten Video sorgt eine besondere "Duftnote" im Gras für derartig viel Ablenkung, dass dies dann wichtiger wird und der Kampf endet.....

Hundespiel 45 sec - abruptes Ende aufgrund eines neuen Reizes:


Hundespiel 1.45 min



Für mich gehören diese kleinen Kämpfe zum Alltag und ich frage mich, warum Eltern, Erzieher und Lehrer dies nicht auch für völlig normal und alltäglich bei ihren Menschenkindern halten.

Der natürliche Bewegungsdrang, die Freude am Kräftemessen und balgen - es scheint ein Teil der tierischen, aber meines Erachtens auch der menschlichen Natur zu sein. Leider ist verbale "Gewalt" weit mehr toleriert, als körperliche, nicht verletzende Kämpfe......

Was halten Sie davon?

Sonntag, 16. März 2008

Müssen Kinder ballern und sich prügeln? Ja, sagt Thomas Hartmann

Meine "Hilfmittel" zur Klärung dieser Frage sind:
  • 1. Das Buch von Thomas Hartmann: "Schluss mit dem Gewalt-Tabu!
  • 2. Das Buch von Petermann, Döpfner und M.H. Schmidt: "Aggressiv-dissoziale Störungen"
  • 3. "Coolnesstrainings" Ein Angebot für aggressive, gewaltbereite Jugendliche - Impulskontrolle, Erhöhung der Frustrationstoleranz und Aggressionsbewältigung
  • 4. Unsere "Schmusehunde" Sean und Rheto
  • 5. Gewalt fängt im Kleinen an – Zur Stabilität von Mobbing an Grund- und weiterführender Schule
Müssen Kinder ballern und sich prügeln?


1. Thomas Hartmann, Vater von vier Kindern und Pfarrer. Ein sympathischer Christ, erfahren im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, Kenner und Tester von Computerspielen und ebenso Kenner und teilnehmender Beobachter der aktuellen Jugendszene.

Als Computerspieletester und Vater von heranwachsenden Jugendlichen ist er der Frage nach der vielfach behaupteten "Gewaltwirkung von Computerspielen auf Kinder und Jugendliche" auf den Grund gegangen.

Das Buch - ein unterhaltsam geschriebenes Fachbuch für Medienpädagogik:
Sein Buch könnte genauso unter dem Label eines "Fachbuches für Medienpädagogik" firmieren, mit der einzigen Einschränkung, dass der Buchtitel anders gelautet hätte.

Die Inhalte:

Jugendszene - Gewalt und Menschsein - Friedenspädagogik - Computerspiele
So b
etrachtet er dort die aktuelle und vergangene Jugendszene, fragt nach dem Verhältnis der Bibel zur Gewalt/Aggression und zum Menschsein. Er beleuchtet die Frage, ob Aggression und Gewalt Teil des Menschseins seien. Besonders interessant sind seine Betrachtungen zur "Friedensbewegung bzw. Friedenspädagogik" und ihre unerwünschten Auswirkungen, ein Perspektivenwechsel, welcher sehr nachdenklich stimmt. Im fünten Kapitel fragt er, ob Computerspiele und Gewaltvideos nun der Aggressionsabfuhr dienen oder aber zur "Killerschmiede" werden.

Thomas Hartmann greift die vielfältigen, von Fachleuten und Medien geäußerten Meinungen und Ansichten, auf. Diese diskutiert er anhand dazu vorliegender wissenschaftlicher Studien. Damit werden die im Buch geäußerten Empfehlungen und Schlussfolgerungen auf eine solide Basis gestellt.

Tipps zum Umgang mit Spielen und Gewalt - Entscheidungshilfen für Eltern
Am
Ende seines Buches entlässt er Eltern, ErzieherInnen und Lehrkräfte nicht ohne genauere Hinweise, wie weit der Umgang mit gewaltbetonten Computerspielen gehen darf und wie mit spielerischer Gewalt Gewaltprävention betrieben werden kann.

Thomas Hartmann
Sch
luss mit dem Gewalt-Tabu!
Warum Kinder ballern und sich prügeln müssen
272 Seiten - ISBN 3821856637
Preis € 17,95 , Eichborn Verlag
FAZIT:
Eine spannende, unterhaltsame und lehrreiche Lektüre zum Thema Aggression, Gewalt, Computerspiele und Umgang mit denselben.



2..

Prof.Dr. Petermann, Prof. Dr. M. Döpfner und Prof. Dr. M.H. Schmidt, betreiben einerseits Forschung in der klinischen Kinder- und Jugendpsychotherapie und sind andererseits auch erfahrene Praktiker in der Behandlung. Die Autoren haben die Ursachen von aggressivem, gewaltbereiten Verhalten untersucht und ein erfolgreiches Behandlungsprogramm für entsprechende "Krankheitsbilder" bei Kinder und Jugendlichen entworfen.
Prof.Dr.F.Petermann / Prof.Dr.M. Döpfner/
BILD: RÖMER-WESTARP

In Ihrem Buch "Aggressiv-dissoziale Störungen" stellen Sie Ihre erprobten Konzepte vor:
Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie - Erläuterung des Buchaufbaues dieser Buchreihe
Band 3 / 2., korrigierte Aufl. 2007, VIII/ 174 S.
(Im Reihenabonnement € 17,95 / sFr. 28,80)
22,95 Euro, Hogrefe Verlag
ISBN: 978-3-8017-2054-4

In diesem Zusammenhang ist die Frage von besonderem Interesse, wie aus Sicht der Psychologie resp. klinischen Psychologie die Enstehung von Aggression und Gewaltneigung bei Kindern und Jugendlichen erklärt wird:

Altersabhänige Fomen "aggressiven" Verhaltens (Loeber& Hay 1997)

Bereits im "medienfernen" Säuglingsalter werden bestimmte Formen des Ärgerausdrucks bis hin zu aggressiven Wutäußerungen registriert. Offenbar gelingt Mädchen die Emotionsregulation bereits in diesem Alter besser.
Anmerkung: Studien belegen, dass Mütter ihren männlichen Säuglingen im Durchschnitt weniger Zuwendung (Zärtlichkeiten) geben. Ob dies eine Reaktion auf den stärkeren Ärgerausdruck ist, oder ob die geringere Zuwendungsrate dafür verantwortlich ist, ist schwer zu klären.
Im sog. Trotzalter (ca. 2. bis 3. Lebensjahr ) äußert das Kleinkind Wut und Aggression gegenüber Gleichaltrigen und Erwachsenen.

Im Vorschul- und Grundschulalter kommt es dann zu körperlichen Aggressionen, wobei Mädchen zu eher "nicht-körperlichen", d.h. indirekten Aggressionsformen neigen.

Im Jugend- und frühen Erwachsenenalter wird durch die wachsende Körperkraft das aggressive Verhalten massiver.
Anmerkung:
Wie man sieht, sind Aggressionen ein natürlicher Bestandteil der menschlichen Spezies.
Betrachtet man die Voraussetzungen pathologischer Aggressionsentwicklungen gem. Petermann et. al. dann ergeben sich folgende Konstellationen:

Komorbide Störungen
(Zitat S.12 ohne ICD-Werte):
"Aggressives Verhalten geht oftmals mit einer Reihe weiterer pschischer Störungen einher, wie der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, Störungn durch Substanzkonsum, Störungen der Impulskontrolle, aber auch epressivem Verhalten. Liegt eine psychische Mehrfachbelastung vor, so sind schwerwiegendere und weitreichendere psychosoziale Belastungen (z.B. Ablehnung durch Gleichaltrige, Defizite in der Impulskontrolle oder sozial-kognitive Defizite) festzustellen."
Die Risikofaktoren, welche zur Entstehung von aggressiv-dissozialen Störungen beitragen, gliedern sich in drei Bereiche:
  1. Biologische Einflüsse (Erbanlagen, männlich, neuropsychol. Funktionsstörungen, erhöhter Cortisolgehalt im Speichel, rauchende Mutter, pränatale Alkoholeinwirkung, reduzierte Serotoninaktivität)
  2. Psychische Einflüsse ( schwieriges Temperament, Reiz- und Irritierbarkeit, sensationssuchendes Verhalten, männlich und niedrige Intelligenz, unzureichende Impulskontrolle, überzogene Selbsteinschätzung, verzerrte sozial-kognitive Informationsverarbeitung, unzureichendes Einfühlsvermögen)
  3. Soziale Einflüsse (unsichere und/oder erpresserisch-eskalierende Bindung, mangelnde Elternaufsicht, unzureichende Erziehungskompetenz der Eltern, unzureichene emotionale Unterstützung und Akzeptanz gegenüber dem Kind, negative Erziehhungspraktiken, Familienstress, Ehescheidung, körperliche Misshandlung, Zurückweisung durch Gleichaltrige, Substanzmissbrauch )
Hier wird deutlich, dass die Entstehung von Gewalttätigkeit, Amoklauf und andere aggressiv-dissoziale Störungen durch das Zusammenwirken verschiedener Einflussfaktoren zustande kommt. Eine lineare Schlussfolgerung, dass das Spielen von sog. PC-Killergames alleine zur Entstehung von Aggressionen beitrage, ist demnach so nicht zulässig.

Vielmehr lässt sich hieraus eine Wenn-Dann-Beziehung legitimieren, im Sinne von:
Wenn einige Risikofaktoren für aggressives, dissoziales Verhalten zutreffen, ist eine weitere negative Wirkung "aggressiver" Vorbilder in Filmen und Games nicht auszuschließen.

Allerdings ist auch eine aggressionsabführende Wirkung nicht auszuschließen, denn die Spiele erlauben - ohne Gesetzesnormen zu übertreten - eine "legale" Aggressionsabfuhr.

Betrachtet man die hohe Emotionalisierung und Affektgeladenheit während der Pubertät, sind insbesondere Eltern gefragt, ihre Kinder und die vorhandenen Aggressionen zu beobachten.

Petermann und Koll.:
"Besonders stabil ist aggressiv-dissoziales Verhalten im Jugendalter ausgeprägt, wenn es sich bereits früh entwickelt hat. Ein solch stabiles Verhalten wirkt sich auf verschiedene Umweltberichte wie die Gleichaltrigenbeziehungen, Schule und die Familie, aber auch auf Nachbarscaftsbeziehungen aus. Die Problemverdichtung im Jugendalter ist durch therapeutische Interventionen oft schwer zu ändern. (ebd. S. 27)
Für diese Gruppe wird man sicherlich ein stärkeres Augenmerk auf alle gewaltorientierten Medien und verwandte Einflüsse haben müssen.
Genaue Ausführungen, auf welche Art und Weise hier sinnvolle Kontrolle und auch Verbote für bestimmte Spielformen ausgeübt werden können, finden sich im Buch von Thomas Hartmann.

4. Das erfolgreiche Anti-Aggressionskonzept : Coolnesstraining
Das sog. Coolnesstraining bietet Kindern und Jugendlichen insbesondere im sozialen Bereich Übungen zum Erlernen sozialer Empathie, Erhöhung der Stressbelastung und Umgang in Krisensituationen. Und um wieder beim Thema zu landen: Dort wird "geprügelt" ohne sich zu verletzen ;-). Eine Form des Umgangs - insbesondere unter männlichen Kindern und Jugendlichen - wie sie sich Thomas Hartmann als tolerierte "Aggressionsform des kindlichen Alltags" wünscht:

Beispiel für eine kämpferische Übung
Beispiel für eine spielerische Box-Übung

Thomas Hartmann erwähnt ähnliche "Spiele" und "Übungen", welche er in seiner Arbeit mit Jugendlichen mit Erfolg eingesetzt hat.


4. Sean und Rheto:
Geschwister - Mischlingsrüden und richtige Schmusehunde,
welche allerdings auch ab und zu miteinander toben und kämpfen. Jedoch: gerade weil die beiden besonders anhängliche und freundliche Hunde sind - echte Jungs einer "friedensorientierten", aber nicht "friedenspädagogischen" ,-) Hundeerziehung von klein auf - wird es den Leser erstaunen, dass die beiden sich immer wieder "prügeln", eben bis ein Hinweisreiz kommt, dass die Prügelei einen Schmerz verursacht.....sofort gehen die beiden auseinander [=> Beißhemmung]. Und doch sind es Brüder, welche sich mögen und sehr liebevoll miteinander umgehen..... Soviel zur "Verhaltensbiologie/Soziobiologie"

Schauen Sie zu, wie unsere beiden "Jungs" miteinander balgen und wieder friedlich auseinander gehen:
video

Soweit mir bekannt, entstehen solche Hundebalgereien aus dem angeborenen Spieltrieb der Welpen. Wachsen Hunde in einem Rudel auf, so greift die Hundemutter ein, sofern das Spiel zu aggressiv, d.h. verletzend und schmerzhaft wird. Unsere beiden sind "Waisenkinder" und wir haben sie schon mit knapp 7 Wochen bekommen. Gerade in ihrer Jugendzeit haben sie durch ihre Balgereien immer wieder festgelegt, wer dominieren darf. Die beiden haben schnell gelernt, dass ein kurzes Aufjaulen oder nur ein kleiner Japser, den Bruderkampf beendet.....

Übrigens: Als Beobachter hat man den Eindruck, dass eine solche Balgerei den Tieren richtig guttut. Sie haben sich körperlich ausgetobt und legen sich danach ruhig und gelassen in ihr Körbchen.

Und wie sieht es mit den Balgereien bei "Menschenkindern" aus? Thomas Hartmann stellt in seinem Kapitel zur Friedensbewegung dazu fest:
"Eine zentrale These dieses Buches lautet: Die Friedensbewegung der Siebziger- und Achtzigerjahre hat mit ihrer Forderung nach friedlicher Abrüstung und Gewaltverzicht nicht nur im pollitisch-militärischen Bereich, sondern in allen Bereichen, den persönlichen und privaten eingeschlossen, zu einer Tabuisierung beziehungsweise Verdrängung der spielerischen Gewalt beigetragen.[...]Die Rigorosität iher Forderung, auch auf spielerische, virtuelle Gewalt in sämtlichen Lebensbereichen zu verzichten,hängt mit dem Anspruch der Friedensbewegung und -pädagogik zusammen, alle Aspekte des persönlichen Daseins zu umfassen... "(S. 96/97, Hervorhebung von mir)
Diesem Statement kann ich nur beipflichten. Meine und auch die Kindheit des zwei Jahre jüngeren Thomas Hartmann war noch geprägt von einem Empfinden der "Normalität", was Raufereien und Balgereien von Kindern und Jugendlichen anging.

Als junge Lehrerin im Schuldienst in den 80ern und 90ern allerdings, war es bereits üblich auch spielerische Balgereien zu unterbinden. Kinder, welche raufen wollten, mussten dies heimlich tun. In dieser "friedensorientierten" Zeit waren Eltern schockiert, wenn im Religionsunterricht das "brutale" Ereignis der Kreuzigung Jesu behandelt wurde. Wie Herr Hartmann feststellt, wirkt diese Anschauung bis heute in erzieherische und weltanschauliche Prozesse hinein.

Zwar teilt die moderne" Friedenspädagogik (Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.) indirekt die im Buch von Thomas Hartmann "propagierte" Form der Enttabuisierung von spielerisch geprägten Prügeleien und Balgereien:

Auszug: Kapitel 2.1: Was ist Gewalt?

Kinder erkennen oft nicht die Schwelle, wo spielerisches Verhalten in gewalttätiges Verhalten umschlägt, anderen Schmerzen zugefügt oder sie diskriminiert werden. Diese Schwelle bei sich selbst zu kennen und bei anderen zu erkennen stellt einen wichtigen Lernbereich dar. (Kapitel 2.1.pdf Seite 14)

Allerdings:
Sofern die Frage auf den Umgang mit "Kriegsspielzeug, sog. Gewaltvideos, Video- und Computerspiele" kommt, wird eine strenge Linie verfolgt. Jeglicher Anklang von Gewalt, so wird gefordert, sei aus den Kinderzimmern und aus dem Alltag von Kindern und Jugendlichen zu verbannen: Augen auf beim Spielzeugkauf.pdf

Man schaue sich die "friedenspädagogisch" empfohlene, altersbezogene Spielzeugliste an. Keine Chance mit solchem Spielzeug auch nur den Umgang mit einem Hauch von Aggression zu erleben. Jeder, der noch ein wenig "Kind" in sich trägt, wird angesichts dieser Liste eine gewisse Langeweile verspüren.....

Wer die Materialien und Empfehlungen der Friedenspädagogik analysiert, wird vergeblich nach empirischen Belegen suchen. D.h. hier geht es um eine Einstellung und um Weltanschauung mit quasireligösem Charakter und folgendem "Glaubensbekenntnis":
"Als überzeugter Friedenspädagoge/Friedenspädagogin glaube ich, dass aller Umgang mit jeglicher Aggression schädlich ist"
FAZIT:
Die Natur hat Mensch und Tier mit der "Fähigkeit" zur "Aggression" ausgestattet. Wissenschaftlich gesehen existieren zahlreiche Theorien zur "Aggression" und dem daraus etwa resultierendem "abweichendem Verhalten". Dort wird die Frage der Entstehung und den Gründen seiner Entwicklung zu abweichendem Verhalten beleuchtet. Viele Studien wurden dazu gemacht und viele widersprüchliche Ergebnisse gesammelt. Wer sich damit beschäftigt besitzt viel Theoriewissen, steht allerdings in der Beurteilung der "Praxis" ohne wirklich hilfreiche Schlussfolgerungen und Handlungskonzepte da. Lars Fischer hat in seinem Fischblog dazu noch entsprechende Studien gesichtet und auf ihren Nutzen bzw. ihre Verwertbarkeit hin geprüft:

Zu Gewalt in Computerspielen - ein Fragment (notgedrungen)

Zunächst meine ich, bedarf es keiner Studien (mehr) um festzustellen, dass Aggressionen ein lebensbegleitendes Phänomen sind. Sie verleihen uns die Kraft "nein" zu sagen, unsere Wünsche zu äußern, uns - wenn notwendig - abzugrenzen. In der Paarbeziehung wird ein gesundes Maß an Aggression benötigt um zu einem ausgewogenen "Machtverhältnis" zu kommen, d.h. eine gleichberechtigte Partnerschaft.

Kinder benötigen ebenfalls ein gesundes Maß an Aggression um sich gegen Stärkere durchsetzen zu können und nicht zum Opfer zu werden. Dabei muß beachtet werden, dass gerade hier auch die vererbte Veranlagung eine Rolle spielt (=> Temperamentsforschung). Ein spielerischer Umgang mit Aggression und Gewalt erscheint als "Lerngrundlage" zu einem ausgewogenen Umgang mit der eigenen und der Aggression anderer notwendig zu sein.

Wie die kindliche Sozialisation stattfindet hängt dabei vom jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld ab. Insofern erscheint es völlig lebensfremd, wenn Erwachsene zum Wehrdienst verpflichtet werden können, an der Waffe ausgebildet werden, Filme und Videos mit Gewaltszenen oder schlicht die Nachrichten anschauen und diese existierende Lebenswelt dann in der Kindererziehung völlig tabuisiert. Auch die zahlreichen und äußerst beliebten Abenteuer- und Kriminalfilme stellen m.E. Aggression und Gewalt in oft nicht unerheblichem Umfange dar.

So ist schwer zu begreifen, dass auch "Friedenspädagogen" zwar Ersatzdienst leisten, aber durchaus dem Konsum von Filmen mit inhaltlichem Bezug zu irgendwelchen Formen der Gewalt nicht abgeneigt genüber stehen und gleichzeitig ihrem Nachwuchs die Adaption dieser "Kulturgüter" um jeden Preis verwehren wollen.

In traditionalen Kulturen werden Fertigkeiten spielerisch erworben. In unserer Kultur werden Fertigkeiten nur in der frühen Kindheit spielerisch erworben. Die derzeitigen Bemühungen um "Bildungspläne" bereits für Kindergartenkinder zeigen, dass hier sehr früh Fertigkeiten institutionell vermittelt und normiert werden (sollen).
So erfolgt die kindliche Sozialisation in traditionalen Kulturen durch eine Adaption der gesellschaftlichen Lebenswelt. Die "Lebenswelt" in traditionalen Kulturen allerdings, ist dabei eine völlig andere als bei uns. Hier würden friedenspädagogische Konzepte keinen Widerspruch zur kindlichen und erwachsenen Lebenswelt darstellen.

Unsere industrialisierte und hochtechnisierte Lebenswelt stellt die Gesellschaft vor immer neue Herausforderunge. Genau hier setzt m.E. die Aufgabe an, den Nachwuchs so zu sozialisieren, dass sie später als Erwachsene in der Lage sind, mit der faktischen Lebenswelt umzugehen. Dies bedeutet zum Einen dafür Sorge zu tragen, dass Kinder ein gesundes Selbstkonzept entwickeln, genügend Bewältigungsstrategien besitzen um Konflikte zu bewältigen (=Skripts), ihren Alkohol-, Medien- und Spielekonsum im Auge zu behalten und ggf. notwendige Grenzen zu setzen.

Sobald in der Pubertät Peer-Groups starken Einfluß ausüben, ist der elterliche Einfluß laut Studien allerdings gering. Hier besitzt das institutionelle Umfeld und die Familie nur noch eine gewisse Kontrolle mit beschränkter Wirkung. Das schadlose "Überstehen" dieser Altersphase hängt dann von den mitgebrachten Kompetenzen und der jeweiligen Einflussstärke einer Peer-Group ab:

Die Bedeutung der Peer Groups in der Adoleszenz:
Bullying in Early Adolescence: The Role of the Peer Group - Dorothy L. Espelage

Insofern ist es wichtig, in Elternhäusern und Schulen, bereits in den Altersphasen bis zur Pubertät auf die Entwicklung der notwendigen sozialen Kompetenzbereiche zum angemessenen Umgang mit Aggressionen zu achten:

5. Gewalt fängt im Kleinen an – Zur Stabilität von Mobbing an Grund- und weiterführender Schule

Ergebnis der Studie:
Die Ergebnisse der SAMS Längsschnittstudie zeigen eindeutig, dass eine Opferrolle in
der Grundschule kein Risiko darstellt, in der weiterführenden Schule wieder zum Opfer zu
werden.
Besorgniserregend stimmt aber diese Feststellung der Studie(liefert jedoch eine Erklärung für den hohen Einfluss für Peer-Gruppen im Jugendalter):
Hingegen repräsentiert eine Täterrolle in der Grundschule ein zweifach erhöhtes
Risiko, in der weiterführenden Schule die Mitschüler wiederum als Täter zu schikanieren.

Literatur:

Lamnek, Siegfried (8. überarb. Aufl. 2007): Theorien abweichenden Verhaltens.UTB Stuttgart, ISBN-10: 3825207404
Lamnek, Siegfried (1997, 2.Aufl.): Neue Theorien abweichenden Verhaltens, UTB StuttgartISBN-10: 3825217744

Marcel R. Zentner ( 2002),Die Wiederentdeckung des Temperaments. Eine Einführung in die Kinder- Temperamentsforschung. , Fischer (Tb.), Frankfurt ISBN-10: 3596132924

Schlussbemerkung:
Auslöser dieses Beitrages war ursprünglich ein Artikel in der "Zeit" von Dorion Weickmann:
Killerspiele? Verhaltensauffälligkeiten? Zwei sehr unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie Erziehung gelingen kann.
und die Replik des Autors auf Ihre oberflächliche, mit fehlerhaftem Zitat versehene Rezension. Damit war ich auf das Thema bzw. das Buch von Thomas Hartmann neugierig geworden. Ich habe es ganz durchgelesen und mich anschließend gefragt, ob Frau Weickmann wohl nur im Buch herumgeblättert hat und sich für Ihre Rezension die Mühe des Lesens erspart hat.

Aber schauen Sie selbst: Die Mehrheit der Kommentare stehen gleichfalls in krassem Widerspruch zu dem, was Frau Weickmann über den Autor und sein Buch zu Papier gebracht hat:Homepage und Interviews mit Thomas Hartmann zum Thema:
Wie sehr dieses Buch "Wellen" geschlagen hat, können Sie an den vielen Interviews und Buchbesprechungen ablesen, welche ausführlich auf der Webseite von Thomas Hartmann aufgelistet werden. Interessant sind hier auch die in manchen Medien entstandenen kontroversen Diskussionen um Gewalt, Computerspiele, Jugendliche etc.:
Weiterführende Links:
Computerspiele im Fischblog:

Nachtrag: Weitere Informationen zum Thema Aggression und Gewalt im Blog von Marcus Wichmann:
Nachtrag II: Artikel im Tagesspiegel vom 16.05.2008 von Hartmut Wewetzer
Nachtrag III v. 22.06.2008: Guter Beitrag zum Thema "Gewalt an Schulen":
AKTUELL !
Nachtrag IV vom 04.09.2008: Benedikt Köhler berichtet in seinem Blog "Viralmythen":
"Ein Beitrag für all jene, welche Computerspiele mit dem Untergang des Abendlandes gleichsetzen."

Samstag, 1. März 2008

Leben bis zum Schluss

Täglich werden Erzieher und Lehrer mit einzelnen Schicksalen konfrontiert. Der "Tod" und "Krankheit" stehen auf dem Lehrplan....und nur wenige kümmern sich darum....

Wieviel Begleitung brauchen Betroffene und Angehörige, wenn eine todbringende Krankheit ein Familienmitglied erfasst ? Welche Stützfunktionen bietet unsere Gesellschaft und wie sieht das veränderte Leben in einer solchen Situation aus?
Das Wissen über die Bedeutung der Psyche für die Krankheitsbewältigung:
Die Wissenschaft der Psychoneuroimmunologie (Erläuterung von Dr. med. Klaus Mohr) und die Medizinische Psychologie betonen die Bedeutung der psychischen Verfassung für eine angemessene Krankheitsbewältigung. Ihre Forschungen belegen, dass das seelische Wohlbefinden einen großen Einfluß auf die Krankheitsschwere hat. Sie liefert Einsichten in die Möglichkeiten (und Grenzen) zum Wirken der Selbstheilungskräfte.
In der Arztausbildung ist die Arzt-Patient-Kommunikation zwischenzeitlich fester Bestandteil:
Die "heilende"Wirkung eines guten Gesprächs - Therapie von warmherzigen Ärzten wirkt besser - "Heilung hat immer auch etwas mit psychischen Aspekten zu tun"

Jedoch sieht die Realität - dank unseres betriebswirtschaftlich orientierten Gesundheitswesens - völlig anders aus: Die Tagespost.
"Wir brauchen andere, ganzheitliche Strukturen. Medizin und Pflege müssen wahrnehmen, dass Schwerstkranke und Sterbende auch Teil des Gesundheitssystems sind."

Keine Zeit für Patienten (z.B.hier), Ärzte- und Pflegepersonalmangel in Kliniken (z.B. hier und hier) führen zu stark belastenden Faktoren für chronisch Kranke, Schwerkranke und ihre Angehörigen.

Indirekt sind Erzieher und Lehrer (*m+w) immer wieder mit dem Schicksal ihres Klientels als Betroffene oder Angehörige konfrontiert. Manche plötzlich auftretenden "Verhaltens- oder Schulleistungsstörungen" resultieren aus der unerwarteten Konfrontation mit dem Krankheitsschicksal.

In der Erzieher- und Lehrerausbildung* sind solche Aspekte des Berufsalltags in der Regel nicht Bestandteil eines Ausbildungsangebotes. Auch hier zeigen sich die Defizite einer technokratisch ausgerichteten pädagogischen Anschauung, mit ein Grund warum sich diese Berufsgruppe im Berufsalltag so entschlossen von der "abgehobenen" Theorie abwendet. Nun, jammern hilft hier nicht und gerade für solche Aspekte sind möglicherweise "echte" Lebensberichte die besseren "Lehrmeister":

Petra Thorbrietz schildert in ihrem Buch "Leben bis zum Schluss" einfühlsam und informativ, wie sie ihren krebskranken Ehemann begleitete:


Abschiednehmen und würdevolles Sterben - eine persönliche Streitschrift
Zabert Sandmann Verlag, Hardcover mit SU, 176 Seiten, 16,95 € [D] · 17,50 € [A] · 29,95 sFr, ISBN: 978-3-89883-186-4
Ein Plädoyer gegen das Wegsehen und für einen anderen Umgang mit dem Tod +++ Zwischen Zuwendung und Leid: ein Erlebnisbericht +++ Wie menschlich ist unsere Medizin?

Nähere Informationen zum Buch: hier