Samstag, 23. Februar 2008

Deutschland sucht den Superstar - Hintergründe und Erklärungen

03.02.08 · 18:10 Uhr

oder aus erziehungswissenschaftlicher Sicht: Öffentliche Demütigung wird gesellschaftsfähig "gemacht" ....RTL: Die Jugendlichen sind selbst schuld. Die Ergebnisse des selbstdarstellerischen Dranges der Kandidaten hat DSDS nicht zu verantworten.Wer die Quoten hat, bestimmt wo's lang geht......


Das "DSDS-Fieber" hat die deutsche Jugend wieder erfasst: öffentliche Herabsetzung und Verspottung - nicht nur bezüglich der musikalischen Eigenschaften - ziehen die deutschen Jugendlichen wieder vor den Bildschirm. "Du singst scheiße" ist ein gängiger Spruch von Dieter Bohlen. Eigens fabrizierte Portraitfilme wecken bei einigen Kandidaten große Hoffnungen und lässt sie nach ihrer Ablehnung im Casting sehr tief fallen.....Dennoch sitzt die Jugend vor den Bildschirmen, verfolgt die Demütigungen und Herabsetzungen, weil sie sich die eigene Identifikation mit dem "harten" Weg vom unscheinbaren Aschenputtel zum großen Star, nicht entgehen lassen will.

Ungeachtet der jedes Jahr erneut aufflammenden Diskussionen von Jugendschützern u.a, setzt der Sender auf öffentliche, zusätzlich medial inszenierte Demütigungen mehr oder weniger ungeeigneter Bewerber. Die Quoten, d.h. die indirekt damit verbundenen höheren Werbeeinnahmen, eben das Gewinnstreben des Senders, lassen jegliche menschliche Anständigkeit vergessen. Das Grundrecht des Menschen auf die Unantastbarkeit der Würde wird mit Füßen getreten. Minderjährige werden gleichzeitig zum Opfer elterlichen Ehrgeizes und dem unmoralischen Gewinnstreben des Privatsenders. Die dort "beschäftigten" Moderatoren und Macher hinterlassen eine Spur der moralischen und psychischen Zerstörung zahlreicher Bewerber, welche nicht die Chance hatten, zu erfahren bzw. zu lernen, was notwendig ist, um tatsächlich ein Star werden zu können. Jugendliche - beeinflusst durch die vermeintlich gesellschaftlich tolerierte Demütigung - behelligen die gedemütigten Opfer nach ihrem unseligen Auftritt und treiben die Betroffenen in psychische Notlagen...

Wo steht unsere Gesellschaft, welche moralischen Prinzipien beherrschen unser Leben, wenn der Einzelne derart "wertlos" ist, dass man ihn so bloß stellen und "treten" darf und niemand tatsächlich einschreitet? Politik und Erziehungsinstitutionen sehen weitgehend tatenlos zu, wie einer nachwachsenden Generation "neue" (un-)moralische Maßstäbe aufgedrückt werden.

Die Hintergründe:
Warum lassen sich Jugendliche und ihre Eltern auf solche Medieninszenierungen überhaupt ein?

1.Das sogenannte Aschenputtel-Prinzip:
Als das "Aschenputtel-Prinzip" wird das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung, Aufmerksamkeit, Geld und Ruhm bezeichnet. Jugendliche und auch noch junge Erwachsene befinden sich in einer relativ instabilen Entwicklungsphase auf der Suche nach einer "passenden Identität". Angesichts mangelnder Ausbildungsplätze und hohen Ausbildungskosten scheint ein mögliches "Stardasein" alle Probleme auf einmal zu lösen.

2. Die medial inszenierte "Zukunftshoffnung"
Nicht zuletzt Erfolgsgeschichten, wie die eines Mark Medlock, welcher wie Phönix aus der Asche, mit Hilfe von DSDS vom verschuldeten Arbeitslosen zum großen, allseits beliebten singenden Medienstar wurde, schürt Hoffnungen bei Jugendlichen. In oft grenzenloser Selbstüberschätzung, unterstützt durch Behauptungen in Medien und Songs werden junge Erwachsene ermutigt, für sie unerreichbare Zielsetzungen zu verfolgen.

So singt der sich selbst - oft auf Kosten Dritter - inszenierende Medienstar Dieter Bohlen z.B. in "TV makes the superstar" (Modern Talking):

.. , aber du kannst es in deinem Herzen fühlen, dass du nichts falsch machen kannst. Du bist vielleicht jeden Tag unglaublich nervös, aber dann hörst du eine Stimme vom Himmel, die sagt, du wirst deinen Weg schon finden. TV makes it, TV even breaks it ...
Dann sei nicht traurig, denn im Leben gibt es immer noch eine zweite Chance, deshalb bleib einfach dran. Lass Dir etwas Zeit und du wirst schon sehen, du kannst ein Gewinner sein, so wie ich, denn TV makes the superstar. Gesamter Text in englischer Sprache: hier

Solche Sätze lassen dann junge Menschen glauben, dass alles machbar sei, wenn man sich nur genug anstrenge. (Viele Bewerber der Castingshows weisen darauf hin, wie intensiv sie sich vorbereitet haben!)

Was steckt dahinter? Warum bewerben sich zahlreiche Jugendliche, obwohl sie eigentlich wissen müssten, dass sie weder singen können und auch nicht zum "Format" Deutschland sucht den Superstar passen? Einige Hypothesen:


1. Auswirkungen "kuschelpädagogischer" Erziehung und Beschulung
Die sog. "Kuschelpädagogik" in den Elternhäusern, aber auch in Tagesstätten, Kindergärten und später in den Schulen (Bsp.: "Das machst du aber toll", auch wenn viele Mängel der gezeigten Leistung anhaften) und fehlendes Feedback für unzureichende Leistungen, führen langfristig zur Selbstüberschätzung der eigenen Fähigkeiten. Dass Kinder für eine gesunde Entwicklung auch einer konstruktiven! Kritik bedürfen wird außer Acht gelassen. Insbesondere solche "kuschelpädagogisch geschädigten" Jugendlichen und junge Erwachsene sind dann auch bei den Bewerbern in DSDS zu finden.

2. Auswirkungen mangelnder musikalisch-künstlerischer Förderung in der Vorschul- und Schulerziehung
Bereits die junge ErzieherInnen und LehrerInnengeneration hat (zu) wenig musikalische und künstlerische Förderung in der (vor-)schulischen Ausbildung genossen. Um jedoch musikalische und künstlerische Leistungen angemessen beurteilen zu können, müssen auch Vorstellungen darüber erworben worden sein, was musikalisch und künstlerisch als "gut" zu betrachten ist.

3. Falsche Selbsteinschätzung der Jugendlichen trifft auf einen rigorosen Wettbewerbsmarkt um Zuschauerquoten
Zunehmende Vernachlässigung der musikalischen Bildung - bereits in der Elterngeneration führt bei den Eltern zu einer Fehleinschätzung der Fähigkeiten ihrer Kinder. Eigene "verpasste" Starträume der Eltern werden auf die Kinder übertragen. So werden diese Jugendlichen gleich mehrfach zum Opfer gemacht:
1. durch den Ehrgeiz der Eltern und elterliche Fehleinschätzung der musikalischen Fähigkeiten ihrer Kinder.
2. durch den Run auf Quoten der Privatsender

4. Fehlende "musikalische" Wahrnehmungsschulung und verzerrte "gesangliche" Eigenwahrnehmung
Die große Anzahl an Bewerbern, welche sich vorstellen ohne tatsächlich singen zu können, deutet darauf hin, dass die Fähigkeit zur realen "Eigenwahrnehmung" - zumindest für diesen Fähigkeitsbereich nicht geschult worden ist. Hier fehlen ganz offensichtlich Hörfähigkeiten, deren Schulung normalerweise Bestandteil eines guten Musikunterrichtes gewesen wären. So trifft ein Teil der Verantwortung für das "DSDS-Selbstüberschätzungssyndrom" die mangelnde musikalische Ausbildung in der Schule.

FAZIT:

Die medial inszenierte Demütigung deutet auf eine gesellschaftliche Verrohung hin, wobei die „Gedemütigten“ Opfer ihrer gestörten (vor allem gesanglichen) Selbstwahrnehmung sind. Bildungspolitiker müssen sich fragen, inwiefern einerseits Fehlleistungen der erzieherischen Institutionen für diese Entwicklung mitverantwortlich sind und andererseits Eltern in ihrer Erziehungsverantwortung und –fähigkeit angesichts solcher gesellschaftlichen Herausforderungen gestützt werden müssen. Insbesondere werden Entwicklungsstörungen im Jugend- und frühen Erwachsenenalter sowohl in der Forschung, als auch in der institutionellen Erziehung stark vernachlässigt. Nur ihre Auswirkungen (Delinquenz u.ä.) geraten kurzzeitig in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit, ohne dass über echte Hilfen und Gegenmaßnahmen ernsthaft nachgedacht wird. In diesem Zusammenhang ist besonders beunruhigend, dass Medien – ohne staatliche, strafrechtliche oder andere Konsequenzen – junge Menschen herabsetzen, demütigen und beleidigen dürfen. (§ 185 StGB, Beleidigung, Art. 1 GG, Die Würde des Menschen ist unantastbar)

Zum Weiterlesen:

"Deutschland sucht den Superstar" Kritik in den Medien: Im Fokus: hier und in der TAZ: hier
Ich-Entwicklung in der Adoleszenz: hier, Züricher Entwicklungsstudie zum Jugendalter: hier, Vortrag zu Entwicklungskrisen im Jugendalter: hier